Allgemein

(M)eine Geschichte

Eine kleine Anekdote zum Nachdenken

Der alte Mann und das Licht

Es war einmal ein alter indischer Greis namens Nanak, der im Süden von Indien in einer sehr einfachen Blechhütte lebte und zu der Gruppe der Sikhs gehörte. Sikhs sind sehr spirituelle und religiöse Menschen, die ihre Weisheit für den Alltag nutzen. Es war Weihnachten, und der alte Mann war krank und mittlerweile sehr krumm und schief, da er fast nur saß. Er wusch sich nicht und war sehr schmutzig. Das kümmerte ihn aber nicht. Dafür meditierte er tagtäglich mehrere Stunden, um irgendwann friedlich ins Nirvana abzugleiten. Nanak war sehr einsam, da ihn niemand besuchte. Er hätte gerne seine Weisheiten an andere Menschen weitergetragen, aber da war niemand, der dies von ihm erfahren wollte. Er fragte sich manchmal, wieso dies wohl so sei. Aber die Frage war nur von kurzer Dauer, denn er hatte ja sich selbst.
Eines Tages saß er wieder in seiner Hütte und bereitete sich für die Meditation vor. Doch diesmal war irgendetwas anders. Denn er hörte auf einmal ein Geräusch. Er war also nicht so konzentriert bei der Sache wie sonst. „Komisch“, dachte er,“was ist das für ein Kratzen und Rascheln?“ Er folgte diesem Geräusch neugierig und gelangte in einer Ecke seiner Hütte. Er nahm einen Berg von schmutzigen, durchlöcherten Kleidern beiseite, die dort am Boden lagen. Auf einmal bewegten sich ganz viele große Krabbeltiere, die erschrocken quer durch seine Behausung liefen. Es waren Kakalaken. So große Kakalaken hatte der alte Mann noch nie gesehen. „Sie müssen ja ganz schön viel zu Essen gehabt haben um so zu gedeihen“ dachte er verwundert.
Der Alte nahm seinen Besen und verscheuchte das Ungeziefer aus seiner Wohnung. Er machte die Türe zu und seufzte: „Hach, nun habe ich Ruhe und kann mich meiner Meditation widmen.“ Als es abends war, machte er sich bettfertig und legte sich schlafen. Doch auf einmal war wieder dieses Geräusch zu hören. Die verscheuchten Kakalaken hatten nämlich ihren Weg zurückgefunden.„Sind hier etwa noch mehr?“ fragte er sich. Er folgte wieder dem Geräusch und wurde fündig. Diesmal gelangte er an eine andere Stelle in seiner unordentlichen Hütte. Er nahm mehrere Schachteln mit religiösen Büchern beiseite und erschrak. Die Schachteln waren von unten komplett angefressen und seine geliebten heiligen Bücher, die er dort drin verwahrte, waren kaum wiederzuerkennen. Nun wurde der alte Mann richtig böse, fluchte was das Zeug hält und scheuchte die Viecher aus seinem Haus. Er drehte den Schlüssel wütend in seiner Tür um und verriegelte sie. Nachdem am folgenden Abend die Kakalaken wieder zurückfanden und nun sein ganzes Essen aufgefressen hatten rief er laut: „Um Himmels willen, was habe ich da nur gemacht! Hätte ich doch alles so gelassen, wie es war. Hätte ich den blöden Viechern doch ihre Ecke gelassen. Jetzt habe ich das Chaos. Alles ist kaputt. Meine schönen Bücher, und was esse ich jetzt?“ Eine vorbeigehende Frau hörte den Mann in der Hütte laut rufen und klopfte. Denn sie kannte den alten Mann und beobachtete ihn schon sehr lange. Sie wusste, dass er einsam und krank war, aber sie ließ ihn in Ruhe so leben wie er leben wollte.
Der Mann öffnete die Türe und brüllte auch sie an: „Was willst Du von mir?“ Sie erwiderte freundlich: „Ich will nur nach dem Rechten schauen. Ich habe Dich noch nie brüllen hören. Was ist los?“ Der Greis erzählte ihr die Story, die er seit 3 Tagen erlebte und die Frau lachte nur. „Das ist ja kein Wunder! Deine Wohnung ist sehr schmutzig und du bist es auch. Da fühlen sich die Kakalaken eben sehr wohl. Und nun hast eine Ecke deiner Hütte frei geräumt und den Kakalaken ihre gewohnte Behausung genommen. Sie suchen sich jetzt immer wieder eine neue Ecke in Deiner schmutzigen Hütte. Wenn Du nichts änderst, dann wird das so weiter gehen.“ „Aber was soll ich denn ändern?“, klagte der alte Mann. „Du solltest mal anfangen, aufzuräumen und Dein Heim reinigen. Auch DU solltest Dich reinigen. Und schau mal Deine Fenster an. Da kann man ja gar nicht hinaus schauen. Hier ist es dunkel und ungemütlich.“ Der alte Mann schaute die Frau misstrauisch an und sagte leise: „Aber ich habe mich doch immer so wohl gefühlt. Warum soll ich das auf einmal alles ändern?“ Die Frau erwiderte mit einem schmunzelnden Lächeln: „Die Antwort wirst Du bald finden. Ich denke, Du bist ein Sikh. Dies sollte einfach für Dich sein.“ Sie drehte sich um und ging. Da stand er nun, der alte Tropf und war ganz durcheinander. Er ging traurig und entmutigt in seine Hütte, schloss die Tür zu und schaute sich um. „Tja, hier sieht es tatsächlich ein wenig chaotisch aus“, dachte er. „Ich werde den Ratschlag dieser Frau wohl annehmen müssen. Mal schauen ob es etwas ändert. Wenn ich diese störenden Kakalaken loswerden möchte, dann muss ich wohl etwas tun.“

So geschah es. Sechs Tage lang brauchte der alte Mann, um seine Hütte auf Vordermann zu bringen. Es fiel ihm sehr schwer, einen Platz für seine Utensilien zu finden, aber er schaffte es. Auch seine Fenster bekamen wieder Glanz. Sechs Tage hatte er keine Zeit zu meditieren. Am siebten Tag hatte er alles geschafft und sagte laut zu sich selbst: „Alter Mann, ich bin stolz auf Dich. Bis jetzt habe ich keine Kakalake mehr gesehen. Ich fühle mich tatsächlich viel wohler. Nun kann ich mich wieder an meinen gewohnten Platz setzen und in Ruhe meditieren.“ Gesagt, getan. Aber diesmal war etwas anders. Das erste Mal überkam ihn ein besonderes Glücksgefühl beim Meditieren. Er genoss es und wollte gar nicht mehr aufhören. Als er nach einer Stunde die Augen langsam öffnete, merkte er eine wohlige Wärme in und auf seinem Körper. Es war die Sonne, die endlich den Weg durch seine Fenster gefunden hatte und genau auf ihn schien. Er sog die Sonnenstrahlen tief durch seine Nase in seinen Körper ein und fühlte sich sehr frei.
Eine Woche später bekam er wieder Besuch von dieser Frau, die ihm den Kopf zurechtgerückt hatte. Sie staunte über seine Ordnung und die Reinlichkeit. Außerdem stellte sie fest, dass der alte Inder auf einmal aufrecht gehen konnte. Er war nicht mehr gekrümmt wie sonst. Sie fragte ihn: „Was ist mit dir passiert? Ich staune, du bist ja gewachsen.“ „Ja“, sagte er lachend, „das bin ich tatsächlich. Ich bin über mich hinaus gewachsen. Und endlich habe ich das Licht gesehen. Jetzt weiß ich, was Du meinst. Ich dachte immer, ich weiß über alles Bescheid. Jeden Tag sehe ich jetzt das Licht. Liebe Frau, ich möchte mich von Herzen bedanken und Dir eine meiner Geschichten erzählen. Seit dem bekam er jeden 7. Tag Besuch von der Frau, da sie sich bei ihm nun sehr wohl fühlte und Freude an seiner positiven Entfaltung hatte. Auch viele Kinder und andere Menschen besuchten ihn, weil sie seine weisen Geschichten so gerne hörten. Der alte Inder war sehr glücklich und wurde nie wieder krank. Die Leute nannten ihn von da an Guru Nanak.

Langenfeld, 04.03.2013 geschrieben von Veronika Sow

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